14 March 2026, 12:29

Gockels Wallenstein an den Kammerspielen verbindet Schiller mit Prigoschins Wagner-Gruppe

Ein altes Buch mit einem Umschlag, der einen Mann in Anzug und Krawatte zeigt, der als Komponist der Oper Schaukel-Lied gilt, mit dem Titel in russischer Sprache.

Gockels Wallenstein an den Kammerspielen verbindet Schiller mit Prigoschins Wagner-Gruppe

Eine bahnbrechende Theaterinszenierung an den Münchner Kammerspielen hat Geschichte, Krieg und persönliche Schicksale zu einem einzigen Abend verschmolzen. Regisseur Jan-Christoph Gockel brachte Schillers Wallenstein auf die Bühne – und zog dabei aktuelle Parallelen zu Jewgeni Prigoschin, dem verstorbenen Chef der Wagner-Gruppe. Ein besonders bewegender Moment entstand, als der gelähmte Schauspieler Samuel Koch auf der Bühne in eine lebendige Marionette verwandelt wurde.

Der Abend begann mit Serge, einem russischen Darsteller, der in einem Vortrag Prigoschins Aufstieg und Fall schilderte. Mit schwarzem Humor lockerte er die Stimmung auf – selbst ein Harry-Potter-Zauber kam zur Sprache, um die düstere Realität ins Absurde zu wenden. Damit war der Ton für die Mischung aus historischem Drama und Zeitgeschehen vorgegeben.

Gockels Adaption kürzte Schillers Originaltext stark und fügte Prologe, Epiloge sowie neue Szenen ein. Zu den Höhepunkten zählte ein Sieben-Gänge-Schlachtmahl, in dem sich die Geschichten Wallensteins und Prigoschins in einem dialektischen Schlagabtausch gegenüberstanden. Beide Männer führten private Armeen – Wallensteins Söldner im Dreißigjährigen Krieg, Prigoschins Wagner-Gruppe in der Ukraine – und fanden ein gewaltsames Ende: der eine verraten von seinen Generälen, der andere mutmaßlich auf Putins Geheiß.

Einer der eindrucksvollsten Momente spielte sich in Wallensteins Lager ab, wo das Ensemble an einer langen Küchenzeile kochte. Die häusliche Szene stand in scharfem Kontrast zu den Kriegsthemen. Später, nach fast sechs Stunden, tauchte für einen kurzen Augenblick eine Marionettenvorrichtung auf, die es Samuel Koch – einem gelähmten Schauspieler – ermöglichte, seine Arme zu bewegen und zwei große Schritte zu machen. Der Effekt war gespenstisch und doch von überwältigender Kraft.

Die Musikerinnen Maria Moling und Annette Paulmann bereicherten die Aufführung mit live eingespielter Musik und Puppenspiel, was die emotionale Tiefe der Inszenierung noch verstärkte. Der Abend endete mit einem Funken Hoffnung, als Swetlana Alexijewitschs Text Der Mensch ist größer als der Krieg durch den Saal hallte.

Die Produktion zog klare Linien zwischen Vergangenheit und Gegenwart – vom General des 17. Jahrhunderts zum Kriegsherrn des 21. Jahrhunderts. Kochs kurze, aber berührende Bewegung als Marionette hinterließ einen bleibenden Eindruck. Durch die Verschmelzung von Geschichte, persönlichen Erzählungen und modernem Konflikt bot die Aufführung ein rohes, zum Nachdenken anregendes Erlebnis.

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